Die Meiningser Dorfschmiede [1]

Die Meiningser Schmiede25.04.1999

Schützenstraße 28
59494 Soest-Meiningsen

Seine erste Werkstatt und Wohnung hatte der Schmiedemeister Heinrich Funke sen. (1857-1931) Am Knapp. Da dort der Betrieb wegen räumlicher Gegebenheiten nicht erweitert werden konnte, mußte sich Heinrich Funke nach neuen Möglichkeiten umsehen. Im Februar 1886 erwarben er und seine Ehefrau Elisabeth, geb. Nölle (1860-1950) aus Bergede ein Grundstück an der Dorfstraße, wo sie Wohnhaus und Schmiede errichteten Das Fachwerkwohnhaus soll vorher schon in Ostönnen gestanden haben, es wurde dort abgetragen und in Meiningsen wieder aufgebaut.

Wohnhaus und Schmiede

1886 erbauten Heinrich und Elisabeth Funke an der Dorfstraße Wohnhaus und Schmiede. (Foto von Marita Maas)

Zur Familie gehörten die Kinder Heinrich jun. (1883-1941), Marie (1886-1971), Emma (1888-1971) und Wilhelm (1895-1975). Beide Söhne erlernten das Schmiedehandwerk; Heinrich blieb im elterlichen Betrieb; Wilhelm heiratete in eine Schmiede in Nordbögge ein. Zur Arbeit eines Dorfschmieds gehörten zu dieser Zeit Reparaturen an Landmaschinen und landwirtschaftlichen Werkzeugen bzw. Geräten, Herstellen von Pflügen, deren abnehmbare Pflugschare im Herbst neu geschärft werden mussten, Hufbeschlag, dazu Vorbereiten von Hufeisen mit Winterstollen, Herstellen von Schmiedenägeln.

Familie Funke 1904ca. 1904

Heinrich Funke und Frau Elisabeth, geb. Nölle mit den Söhnen Heinrich und Wilhelm und den Töchtern Marie und Emma ca. 1904 (Foto von Marita Maas)

Ab der Jahrhundertwende wurden auch Mähmaschinen und Mähbinder aus serienmäßig von der International Harvestor Company (IHC), USA, hergestellten Teilen zusammengebaut und verkauft, bis die Firma selbst in Deutschland sesshaft wurde.

1914 heiratete Heinrich Funke jun. Maria Hinne (1894-1982) aus Deiringsen, 1918 wurde die Tochter Marie geboren.

Familie Funke 19271927

Heinrich Funke jun. und Frau Maria, geb. Hinne mit Tochter Marie ca. 1927 (Foto von Marita Maas)

Anfang 1920 riß man die alte Schmiede ab und ersetzte sie durch ein größeres Werkstattgebäude mit Lagerhalle. 1925 übertrug Heinrich Funke sen. den Besitz auf seinen Sohn Heinrich.

Dorfschmiede

1920 wurde die alte Schmiede abgebrochen und ein neues Werkstattgebäude errichtet. Rechts der heute mit den Häusern der Neubürger bebaute Acker "Hinter dem Schwarzen Felde" (Foto von Marita Maas)

Auch Heinrich Funke jun. führte die Tradition des Familienunternehmens mit Landmaschinenreparatur und Hufbeschlag fort.

Heinrich Funke

Hinzu kam verstärkt der Wagenbau. Hierbei handelte es sich überwiegend um Ackerwagen, deren Holzteile vom Stellmacher gefertigt wurden. Der Schmied fertigte die Beschläge an, montierte sie und nahm den Aufbau des Wagens vor.

Außerdem wurden in der Schmiede angefertigte Eisenreifen auf die Holzräder gezogen, um ihnen Zusammenhalt und Festigkeit zu geben. Das war eine schwierige Arbeit: In zwei Feuerstellen auf der Esse wurden die Eisenreifen unter langsamem Drehen bis zur Rotglut erhitzt. Dann nahmen der Schmied und zwei seiner Gehilfen mit langen Eisenzangen den glühenden Reifen aus dem Feuer und setzten ihn auf die Felge. Weil der Reifen schnell Feuer fing, mußte er sofort in einen in der Nähe stehenden Wassertrog getaucht werden.

Weitere Arbeiten in der Dorfschmiede waren: Herstellung von Federungen, Türen und Schlössern für Kutschwagen sowie Kufen für Pferdeschlitten.

Natürlich wurden auch andere Aufträge der Dorfbewohner ausgeführt wie z. B. Anfertigung von Eisengestellen für Gartenbänke, sowie von Beschlägen für Fässer, das Schärfen von Messern und Schüppen, Löten von Töpfen, usw.

Bei der Arbeit am Schmiedefeuer benutzten der Schmied und seine Gehilfen zum Schutz der Kleidung vor Funkenflug dicke Lederschürzen. Als "Sicherheitsschuhe" trug man Holzschuhe, die im Winter mit Stroh ausgestopft wurden.

Über viele Jahre wurden Lehrlinge ausgebildet, die in Räumen über der Schmiede wohnten und mit der Familie des Schmiedes aßen.

1940 heiratete Marie Funke (1918-1986) den Schmiedemeister Gustav Kraska (1915-1993) aus Ortelsburg/Ostpreußen, der als Soldat in Meiningsen einquartiert war. Sie hatten 2 Töchter, Marita (geb. 1941) und Gabriele (1960-1993). Im August 1941 starb Heinrich Funke. Der Schmiedebetrieb ruhte. Am 15. April 1945 brannte das Wohnhaus ab. Freigelassene plündernde Kriegsgefangene hatten einen Brandsatz in das Haus geworfen.

Heinrich Funke (im Hintergrund) mit Soldaten, die in Meiningsen einquartiert waren. Rechts der Schmiedemeister Gustav Kraska aus Ortelsburg/Ostpreußen. (Foto von Marita Maas)

Nach dem Krieg wurde die Schmiede an den Schmiedemeister Fritz Fischer verpachtet, der mit seiner Familie in den ehemaligen Lehrlingszimmern wohnte.

Gustav Kraska, der im Herbst 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, übernahm 1951 die Schmiede wieder. In diesem Jahr wurde auch mit dem Wiederaufbau des Wohnhauses begonnen.

Bis etwa Mitte der 50er Jahre unterschied sich die tägliche Schmiedearbeit nicht wesentlich von der früherer Generationen, da zum größten Teil noch Pferde und die alten Landmaschinen im Einsatz waren. Bedingt durch den Krieg war landwirtschaftliches Gerät zum Teil veraltet. Deshalb musste viel improvisiert werden. Auch der Wagenbau wurde wieder aufgenommen, jetzt allerdings erfolgte die Herstellung von luftbereiften, gefederten Flachwagen. Diese Arbeit war jedoch für einen Kleinbetrieb zu aufwendig.

Bald verdrängte der Traktor das Ackerpferd und schränkte den Hufbeschlag ein. Die schwerfälligen Ackerwagen wurden durch luftbereifte Wagen ersetzt, der mehrscharige Großpflug verdrängte den handgefertigten, von Pferden gezogenen Wende- und Kipp-Pflug. Vielerlei andere Beispiele zeigen, wie das Schmiedehandwerk an Boden verlor.

Obgleich der Beruf Schmied/Schlosser langsam ausstarb, wurden noch in den 50er und Anfang der 60er Jahre insgesamt sieben Lehrlinge in Meiningsen ausgebildet.

Der Anfang der 60er Jahre beginnende Bauboom brachte andere Arbeitsgebiete mit sich. Es herrschte große Nachfrage nach Balkon- und Treppengeländern, Fenstergittern, Toren, Handläufen usw. für neue Häuser. Anfangs wurden die einzelnen Gitterstäbe noch per Hand geschmiedet. Mit zunehmender Nachfrage gab es bald maschinell gefertigte Teile, die nur noch zusammengeschweißt werden mussten.

Auf Kundenwunsch wurden auch Spezialaufträge ausgeführt, wie z. B. der Bau von Bootstrailern, PKW-Anhängern mit Sondermaßen, Herstellung von handgeschmiedeten Gartentoren, Blumenständern, Kerzenleuchtern usw. Es wurden aber auch weiterhin Reparaturen an landwirtschaftlichen Geräten vorgenommen.

Die zehn verschiedenen Hufeisen sind auf einer dicken Eichenbohle befestigt und hingen in der Meiningser Dorfschmiede Funke/Kraska über einer Tür, die den Raum mit dem Schmiedefeuer und den Hufbeschlagsraum verband. Die Werkstücke waren wichtiges Anschauungsmaterial für die Lehrlinge im Schmiedehandwerk. Mancher ältere Kunde der Dorfschmiede wird sich vielleicht noch an sie erinnern. (Foto und Original Marita Maas)

1976 übergab Gustav Kraska seinen Betrieb an Karl-Heinz Kittelhake.

Nach dem Tode von Gustav Kraska 1993 ist Marita Maas, geb. Kraska Eigentümerin der Schmiede.

Karl-Heinz Kittelhake war bis 1995 als Schmied und Schlosser tätig und betrieb hauptsächlich Bauschlosserei, aber beschlug auch als gelernter Hufschmied noch bei Bedarf Reitpferde. Er spezialisierte sich zusätzlich auf den Einbau von Garagentoren und Markisen. In seiner Jugend war Karl-Heinz Kittelhake ein guter Radrennfahrer.

Vom 1.1.1996 bis zum ? führte Klaus Wolbeck den Betrieb als Kunstschmiede und Bauschlosserei mit ähnlichem Spektrum weiter.

Hier ein Bildbericht von den letzten "Tagen" unserer Meiningser Dorfschmiede:

Klaus Wolbeck fertigt Treppen, Geländer, Tore, Fenstergitter und anderes. Wir haben ihm bei den Arbeiten an einem Korbgitter für ein Fenster zugeschaut:

Klaus Wolbeck05.10.1999

Klaus Wolbeck fertigt hier das Korbgitter für ein Fenster. Mit einer Vorrichtung werden die einzelnen Teile des Gitters ausgerichtet.

Klaus Wolbeck05.10.1999

Nun werden die Stäbe miteinander verschweißt. Nach Fertigstellung wird das Korbgitter feuerverzinkt und beim Kunden montiert.

der Stahl wurde in der Esse warmgemacht und wird nun geschmiedet05.10.1999

Heute zu Gast: der "alte Dorfschmied" Karl-Heinz Kittelhake beim Schmieden.

Karl-Heiz Kittelhake und Klaus Wolbeck05.10.1999

Die tiefstehende Herbstsonne durchflutet romantisch die alte Schmiede und lässt vergessen, dass es sich hier um "echte Knochenarbeit" handelt.

Siehe auch

Die große Linde vor der Schmiede.

Quelle

  1. Marita Maas, geb. Kraska in Zusammenarbeit mit Heinrich Funke (geb. 1925, Schmiedemeister in Nordbögge und Enkel des Firmengründers) in:
    Dela Risse
    : Meiningsen im Wandel der Zeit. Meiningsen 2001, S. 128. Siehe Literaturverzeichnis.